Die Taschendiebin und der Zauberer


Es war einmal eine Taschendiebin. Sie lebte in einem Einmachglas. Dieses Einmachglas war kein gewöhnliches Einmachglas. Es stand im Hause eines Zauberers mitten im Wohnraum mit dem offenen Kamin.

 

Die Taschendiebin war nicht immer schon in diesem Glas gewesen, das ihr die Bewegungsfreiheit raubte und sie zu einer Gefangenen machte. – Nein – Vor Jahren war sie frei wie ein wilder Vogel durch die Lande gezogen. Jahrmärkte waren ihre liebsten Aufenthaltsorte. Dort konnte sie ungestört und meist auch sehr erfolgreich ihrer Tätigkeit nachgehen. Sie war eine Meisterin ihres Fachs! Keiner kam ihr gleich.

 

Und so kam es, dass sie bald landauf und landab die Königin aller Taschendiebe genannt wurde. Sie war sehr stolz auf ihren Titel und wollte ihm immer Ehre antun und ihn unter Beweis stellen.

 

Eines Tages nun — es war während eines der prächtigsten und großartigsten Jahrmärkte weit und breit – erblickte sie einen wunderschönen Planwagen, der war übervoll mit Spieldingen jeglicher Art. Kein Spiel, das fehlte; keine Idee, die nicht in irgendeiner Ecke als Spiel zu finden war. Ein wahres Paradies für jemanden, der so gerne spielte wie unsere Taschendiebin.

 

Doch ach, dieser paradiesische Traum-Planwagen gehörte einem alten Zauberer, der sehr wohl wusste, welche Schätze er besaß.

 

Nun war unsere Taschendiebin ja die Königin aller Taschendiebe, doch einen ganzen Planwagen voll der schönsten Spieldinge unbemerkt zu stehlen, das war selbst für die Königin aller Taschendiebe eine zu schwierige Aufgabe!

 

Verzweifelt schloss sie die Augen, was sollte sie nur machen? Sie wollte, ja, sie musste diesen Wagen besitzen! Tag für Tag saß sie nur da und sann.

 

Die Tage vergingen, bald sollte die Zeit des Jahrmarkts zu Ende sein, und sie hatte noch immer keine Idee. Ja, durch das lange untätige Herumsitzen und Grübeln waren ihre Hände ungeschickt geworden. Sie konnte, und sie mochte nicht mehr stehlen. Auch Essen und Trinken waren ihr nicht mehr wichtig. Nur eine Gedanke quälte sie Tag und Nacht: „Wie kann ich es anstellen, dass ich in den Besitz dieses Planwagens mit all seinen wundervollen Spieldingen komme?“

 

Ganz in der Nähe lebte ein Ritter, der war so arm, dass alle im Lande es wussten. Doch war er stark und mutig. Und diesen Ritter suchte sie in ihrer Not auf. Sie trat vor ihn hin und sprach: „Edler Ritter, ich weiß, dass du in großer Not lebst, da du kein Geld mehr hast noch sonst Wert und Besitz. Ich biete dir meine Hilfe an. Ich besorge dir so viel Geld, wie du zum Leben brauchst; du aber verschaffst mir dafür den Planwagen mit all den Spieldingen des alten, griesgrämigen Zauberers. Du bist stark und mutig. Bald ist der Jahrmarkt zu Ende, und es sollte dir ein Leichtes sein, dem Zauberer auf seinem Heimweg aufzulauern, ihn zu fesseln und zu binden und ihn mit dir auf deine Burg zu nehmen. Dort kannst du ihn ja in einem der Verliese verhungern lassen. Den Planwagen mit den Spieldingen aber, den gibst du mir – dann hat deine Not für immer ein Ende.“

 

Dem Ritter gefiel das Angebot nicht schlecht. Er klatschte in seine Hände, hüpfte wie wild in seinem Burghof herum und jubelte, während er an all das schöne Essen und die Kleider dachte, die er jetzt wieder haben würde. Gleich am nächsten Abend bereitete er sich auf den Überfall vor. Es war der Tag der Abreise. Der Jahrmarkt war zu Ende. Alle Händler und Budenbesitzer, ja, alle, die gekommen waren, um dabei zu sein, machten sich auf den Heimweg. Und so tat es auch der Zauberer. 

 

Ein wirklicher Zauberer braucht keinen Schlaf. Er reist, wenn alle schlafen, und die Straßen schön leer sind. Das aber wusste auch der Ritter!

 

Es war noch dunkle Nacht, kein Vogel sang, selbst Gras und Blätter schienen zu schlafen. Tau fiel sanft vom Himmel. Plötzlich sprang unser Ritter auf die Straße, verstellte dem Zauberer den Weg; ja, nicht nur das! Er griff ihn an, packte dessen Hände und Arme und band sie am Rücken zusammen. „Jetzt ist der Zauberer mein Gefangener, und der Planwagen gehört mir!“ so dachte der Ritter und freute sich. Was kümmerte ihn das schreckliche Schicksal des Zauberers. Er hatte nun ausgesorgt. Er musste Hunger und Durst in Zukunft nicht mehr fürchten. Er durfte sich freuen und glücklich sein!

 

Nur zwei Wälder weiter wartete schon mit klopfendem Herzen die Taschendiebin. Ungeduldig lief sie hin und her. Sie konnte es kaum erwarten, all diese schönen Spieldinge zu besitzen. Auch sie bekümmerte das Schicksal des Zauberers wenig. Sie wollte nur spielen, spielen, spielen!“

 

Die Sonne ging gerade auf, als sie das entfernte Rasseln des Planwagens zu hören glaubte. Wie von Sinnen stürzte sie aus ihrem Versteck zur Straße hin und hast du nicht gesehen, die Straße entlang, Ritter, Zauberer und Planwagen entgegen.

 

Auf einmal erklang ein mächtiges Rauschen. Es war, als wäre jeder Strahl der aufgehenden Sonne zu Klängen geworden. – Klänge, deren Rauschen alles Vorstellbare übertraf. – Und eine weite Straße tat sich auf. Eine Straße, die wegführte vom Ort. Ein Sonnenstrahl war zur Straße geworden. Ohne dass Ritter oder Taschendiebin es bemerkten, führte dieser Sonnenstrahl sie ganz unmerklich in ein anderes Land, in ein Land, das wir heute Panama nennen.

 

Panama ist ein Land mit vielen Bergen und noch mehr Kindern. Und all die vielen Kinder kamen und bestaunten den Planwagenmit den wunderbaren Spieldingen. Wie gerne hätten sie damit gespielt!

 

Der Zauberer aber, obgleich er sehr gut gefesselt war, konnte noch ein klitzeklein bisschen seinen kleinen Finger bewegen. Mit diesem kleinen Finger konnte er allerdings auch nur ein klitzeklein wenig zaubern; gerade so viel, dass er ein Spielding nach dem anderen runter vom Planwagen auf die Straße zu den Kindern zauberte.

 

Unsere Taschendiebin merkte lange Zeit nichts von all dem, was da hinter ihrem Rücken geschah. Sie saß vorn auf dem Wagen neben dem jetzt schon recht müden Ritter und dachte angestrengt darüber nach, wie sie den Weg zurück zur Ritterburg finden könnte.

Während sie so dasaß und grübelte, flog erst ein Fußball, dann ein Federball an ihr vorbei. Das erstaunte sie doch sehr. Sie schaute sich um – ach, was war sie erschrocken!

 

Der wunderschöne Planwagen, der eben noch voll der schönsten Spieldinge war, war fast leer gezaubert. Doch nicht nur das! Zu allem Unglück war der Zauberer gerade dabei mit Hilfe eines kleinen Mädchens seine Fesseln zu lösen. Die Taschendiebin stürzte sich auf die noch halb gebundenen Hände des Zauberers, hielt sie fest und versuchte, ihn daran zu hindern, weiter zu zaubern. Doch, es war zu spät!  „Damit du in Zukunft nicht weiteres Unheil anrichtest, sollst du von nun an in einem Einmachglas leben!“ sprach der Zauberer. Er bewegte dabei leicht seinen Zauberstab, den ihm das kleine Mädchen heimlich zwischen die schon freien Finger geschoben hatte.

 

Ein Rauschen erfüllte die Luft und der Sonnenstrahl, der sie nach Panama geführt hatte, brachte sie in Sekundenschnelle zurück. Den Ritter auf seine Ritterburg, den Zauberer in sein Zauberhaus und die Taschendiebin in ein Einmachglas, das im Haus des Zauberers stand.

Der wunderschöne Planwagen jedoch mit all den Spieldingen blieb in Panama bei den Kindern.

 

 

Gudrun Allgaier