Omnibus ins Glück


Es war einmal, oder sollte ich sagen: Es ist einmal ein Faulpelz? Dieser Faulpelz war mir gar nicht mal so unähnlich. Soll heißen; wahnsinnig intelligent, charmant, eine Seele von Mensch und überhaupt. Sein einziges Problem war, dass er ohne Druck und Zwang so gut wie gar nichts machte. Okay, ich könnte jetzt sagen, dass das genau der Punkt sei, in dem wir uns unterscheiden, aber so weit wollen wir es mal nicht kommen lassen. Also dieser Faulpelz -glaubt mir es oder nicht- lebte doch tatsachlich in einer Telefonzelle. Eigentlich konnte er ja arbeiten gehen und sich eine Wohnung leisten, nur war er dazu einfach viel zu faul. Würdet ihr ihm das sagen, würde er wahrscheinlich lachen, und euch lang und breit erklären, warum eine Telefonzelle als Wohnort vollkommen ausreiche: Allein schon mal, weil sie gar nicht als solche zähle, man sich also getrost alle nervigen Formulare und Verträge sparen könnte, zum anderen ließe sich mit einem Zoll, für jeden, der in die Zeile kam und telefonieren wollte, wunderbar Geld verdienen, mit welchem er sich ja im Zweifelsfalle ganz bequem eine Pizza bestellen könnte. Et cetera et cetera.


Wenn man das alles jetzt so hört, konnte man denken, unser Faulpelz sei ein ziemlicher Freak, und man sollt ihn meiden und schnell weglaufen und sich unter einem Stein verstecken, wenn man ihn sieht. Aber wenn man ihn erst mal lachen gehört hat, weiß man, warum er wahrscheinlich trotzdem in den Himmel kommt, oder etwas derartiges. Sein Lachen war... na ja, es war eben wahnsinnig toll und basta. Nun geschah es aber eines Tages, dass der Faulpelz eine Tänzerin traf, die von einem Zirkus kam, der in der Nahe der Stadt stand, in der die Telefonzelle unseres Faulpelzes steht. Die Tänzerin wollte ihre Mutter anrufen, um sie zu fragen, ob sie eine Weile bei ihr wohnen könne. Die Tänzerin war nämlich krank, und würde bald nicht mehr Tanzen können. Als der Faulpelz das horte, wurde er sehr traurig und entschloss sich, der Tänzerin den Zoll zu erlassen .... oder ihn vielleicht nur ein bisschen zu senken. Da fing die Tänzerin an, aufs Heftigste zu weinen, weil sie nach Bezahlen des Zolles nicht mehr genug Geld hatte, um sich überhaupt einen Anruf zu leisten.


Da fasste sich der Faulpelz ein Herz und entschloss sich, der Tänzerin zu helfen und sie zu heilen. Die Tänzerin konnte erst gar nicht glauben, dass der Typ aus der Telefonzelle, der sein Geld mit Eintritt für eben diese verdiente, tatsächlich den Mumm/Mut hatte, sich um sie zu bemühen... na ja okay, sie sah ja auch nicht schlecht aus... Als erstes wollten die beiden einen Szenenwechsel und entschieden sich, den nächst besten Omnibus in eine andere Stadt zu nehmen. Was die Zirkuskollegen der Tänzerin davon hielten, ist nicht bekannt, und auch dramaturgisch vollkommen unwichtig. Woran aber keiner der beiden gedacht hatte war, dass weder die Tänzerin (des Zirkusses wegen) noch der Faulpelz (der Faulheit wegen) lesen konnte. So landeten sie nicht etwa in einer Stadt, sondern in einer Quelle in den Bergen. Omnibus ins Glück2 Das war nun wirklich überhaupt nicht der Ort, zu dem sie zu reisen gedachten, weswegen die Tänzerin sogleich wieder zu weinen begann.


Da hatte der Faulpelz einen Gedankenblitz! Völlig souverän, und da sieht man wieder mal die Ähnlichkeit zwischen uns beiden, tat er so, als ob das genau der Ort sei, an den er gewollt hatte. Er wusste, dass die Tänzerin nicht nur sehr krank, sondern auch leichtgläubig war. So erzahlte er ihr also, dies sei nicht irgendeine Quelle, sondern, der Ursprung allen Leben, und wer von diesem wahrlich frischen Wasser trinke, dem sei das Leben neu geschenkt. Und hier kommt der Placebo-Effekt ins Spiel. Einerseits, weil es wirklich so war, andererseits, lachte der Faulpelz, als er der Tänzerin dies erzählte, so nett und glaubwürdig, das die Artistin fest glaubte, ein Schluck dieses Wassers konnte sie tatsächlich heilen. Ja, und da geschah ein Wunder. Die Tänzerin trank, und weil sie so überzeugt von der Wirkung der Quelle war, genas sie auf der Stelle. Das freute den Faulpelz so sehr, dass er sich entschied, einen 14-Tage-Rabatt in seine Telefonzollwesen einzuführen. Die Tänzerin machte große Karriere am Broadway, wodurch ihr eigentlicher Zirkus Pleite machte und die Artisten gezwungen waren, Stellen als Süßwarenverkäufer anzunehmen.

Geschichte von Julian Gebhard, 28.11.2009