Warum der Mond sein Aussehen wechselt


Es war einmal in alten Zeiten, als die Menschen die Sterne und den Mond, die Sonne und die Planeten noch singen hörten, als die Bäume noch nicht fest an einem Platz standen, sondern über die Erde wandelten, und als die Blumen noch ihre Farbe verändern konnten, wie es ihnen gefiel; damals, als die Tiere noch sprachen und die ganze Schöpfung sich von himmlischem Manna ernährte – in diesen alten Zeiten lebte einmal eine Schauspielerin, die war so schön!

 

Sie spielte am liebsten für Mensch und Tier -- und wer sich sonst noch für ihre Kunst interessierte -- das Stück, in dem die Giraffe die Hauptrolle hatte. Aber sie konnte noch viele andere Stücke, und am liebsten spielte sie im Tierheim und im Kindergarten.

Die Schauspielerin besaß ein paar Rollschuhe; mit denen fuhr sie wohl den ganzen Tag, zur Arbeit hin und zurück, zum Einkaufen und auch spazieren. Das war ihre zweitliebste Beschäftigung, das Rollschuhfahren.

 

Wo wohnte sie? Auf einem Berg; von da konnte sie so schön in die Ferne schauen; und die Menschen konnten damals noch weiter blicken; wenn Wolken und Nebel waren, konnten sie dennoch in ferne Länder sehen und rochen den Duft anderer Wiesen und Felder, Majoran und Lavendel, Moschus und Kokosnuss.

 

Eines Abends, als sie da so stand, ließ sich unmerklich der gute alte Mond neben ihr auf dem Berg nieder – denn  auch die Gestirne veränderten ihren Lauf, wie es ihnen gefiel, und unterhielten sich mit den Mensch. „Wie schön die Aussicht hier ist“, sagte die Schauspielerin.

 

„Ja, schön“, sagte der Mond, 

„aber bei mir erst da oben, 

da magst Du wohl die Aussicht loben.“

 

Und schweigend betrachteten sie das Land . . . „Sag mal“, fing der Mond wieder an, möchtest Du hier nicht Kaiserin werden? Du und ich – und die anderen würden uns dienen . . . warte, warte, lass mich ausreden“,  denn die Schauspielerin sah ihn komisch an,

 

„Du wärst meine Kaiserin, Erde und Weltall unser Gewinn!

Ich schüfe Dir Schmuck aus fernem Land,

Edelsteine, silbernen Tand.

Du meine Schönste, ich Dein Gemahl,

herrschten wir von anno bis dazumal!“

 

Die Schauspielerin wollte sagen: „Du spinnst wohl!“ und hob schon den Finger, um sich an die Stirn zu tippen – aber dann träumte sie . . ., legte den Finger an ihre Nase . . . und sagte „ . . .  vielleicht . . .“

 

Der Mond zog ab, die Schauspielerin ging in ihr Haus und zu Bett, das alles überschlafen.

Am nächsten Morgen wusch sie sich wie immer, kleidete sich an, frühstückte, zog die Rollschuhe an und wollte wie jeden Tag zur Arbeit fahren, schauspielern.  Da geriet sie in Gedanken, träumte von dem, was der Mond gestern gesagt hatte. Sie achtete kaum auf den Weg. Und wie sie so irrte und ihr Sinn sich wirrte,

 

bekannte Häuser, die alten Stege . . .

aber sind doch nicht die richtigen Wege . . .

fuhr sie ins Land, wo sie nie war,

vergaß die Zeit, die Stunde, das Jahr.

 

Da kam sie en einen Wald und sah eine erleuchtete Höhle. Sie trat ein, hörte von Ferne Stimmen, zog die Rollschuhe aus. „Hallo“, rief die Schauspielerin zaghaft, und noch einmal „Hallo!“ Aber niemand antwortete.  Sie ging nun vorsichtig, . . . den Stimmen nach, lauschte – die eine Stimme kannte sie doch – der Mond. Schon wollte sie rufen „Guter alter Mond!“ . . . Da hörte sie ihn sagen: „. . . und wenn sie mir geholfen hat, die Welt zu beherrschen, werde ich sie in einen Stall sperre, mästen und mir kochen und braten; denn ich habe so eine Ahnung: Fleisch schmeckt auch! Immer nur Manna – zum Kotzen!“

 

Da bekam sie Schauspielerin einen Schrecken! Aber gleichzeitig wurde ihr klar, welche Rolle sie hier spielen sollte – denn das war ja ihr Beruf! „Aha!“ dachte sie bei sich, und verdrückte sich heimlich aus der leuchtenden Höhle. Nahm die Rollschuhe, zog sie an und rief „Nein! Das wird nicht meine Zukunft sein!“

 

Und klar wurden Weg und Straße und Brück‘,

leicht fand sie den Weg zurück.

 

Zuhause rief sie ihre Freunde zusammen, Menschen, Tiere, Blumen und die kleinen Sterne und  beriet mit ihnen, was da zu machen sei. Und alle waren sich einig: Kaiser und Kaiserin wollten sie nicht; und der Mond, der „gute, alte“, musste gezügelt werden. Die Sonne wusste Rat, und so beschlossen sie, dass der Mond nie mehr immer in seiner vollen Schönheit, rund und strahlend, leuchten sollte, sondern nur wenige Tage im Monat. Seitdem wechselt er seine Gestalt, wird schwächer bis zu Sichel und nimmt dann wieder zu bei zur vollen Kugel, in alter Kraft, aber dann muss er wieder abnehmen.

 

So lebten denn die Menschen und Tiere, Planeten und Sterne und die Pflanzen noch eine ganze Zeit glücklich und in Frieden zusammen; und die Schauspielerin und ihre Freunde spielten das Stück von der Giraffe in Kindergärten Schulen und Tierheimen.